Pößneck. Stadt erinnert mit Sonderausstellung, Schauwohnung und ergänzendem Rahmenprogramm an den Reformarchitekten

Schauwohnung Tessenow Foto Elia Schneider

Werteorientiert und mit einer provozierenden Einfachheit – so könnte man den Architekturstil Heinrich Tessenows (1876–1950) beschreiben. Vom 18. Mai bis 10. November dieses Jahres erinnert die Stadt Pößneck anlässlich von 100 Jahren Bauhaus an den Reformarchitekten. Denn in Pößneck finden sich die umfangreichsten gebauten Zeugnisse Tessenows, der sich insbesondere auch dem Kleinwohnungsbau zuwandte.
Unter dem Titel „Handwerk und Kleinstadt. Architektur der Moderne in Pößneck 1920 bis 1923“ widmet sich eine Sonderausstellung im Museum642 – Pößnecker Stadtgeschichte dem Wirken des Architekten. Pößneck kam dem Ideal der Kleinstadt nahe, in der Tessenow gegenüber dem Dorf und der Großstadt die größte soziale Stabilität, eine solide wirtschaftliche Basis mit dem Anspruch an Kultur und Bildung verbunden sah. Die dokumentarische Ausstellung stellt Personen und Pößnecker Projekte vor und ordnet sie in wichtige Leitlinien des Werks Tessenows ein, wie das Festspielhaus der Gartenstadt Hellerau bei Dresden oder die Umgestaltung der Schinkelschen Neuen Wache in Berlin.
Für Pößneck sind über 80 Gebäudeentwürfe Heinrich Tessenows vom Beginn der 1920er Jahre überliefert. 75 dieser Gebäude wurden realisiert, 74 davon sind noch vorhanden, verteilt auf drei Siedlungen und verschiedene Einzelbauten. Eines dieser Objekte kann nun temporär als Schauwohnung besichtigt werden: In der Neustädter Straße 101 wird der Besucher in die Wohnkultur um 1920 zurückversetzt. Die Entdeckung der originalen, reichhaltig gestalteten und farbintensiven Wandfassungen im Haus im Frühjahr 2017 war eine große Überraschung sowie ein über Thüringen hinaus seltener und neuartiger Befund in einem bescheidenen Wohngebäude aus der Krisenzeit der 1920er Jahre. Das Ausstellungskonzept für die Schauwohnung wurde als Abschlussarbeit an der Fachhochschule für Innenarchitektur in Lugano in der Schweiz geplant. Im Mittelpunkt steht dabei die Vermittlung der restaurierten Wohnung, in der sowohl originale Tessenow-Möbel als auch Möbel-Rekonstruktionen gezeigt werden.
Geöffnet ist die Schauwohnung ab 18. Mai jeweils samstags und sonntags von 13 bis 16 Uhr. Die Sonderausstellung kann – ebenfalls ab 18. Mai – zu den regulären Öffnungszeiten des Museum642 besucht werden. Am Eröffnungstag selbst erhalten Besucher ab 15 Uhr freien Eintritt und haben die Möglichkeit, gemeinsam mit den Kuratoren die Ausstellungen zu besichtigen.
Neben Sonderausstellung und Schauwohnung lockt ein umfangreiches Rahmenprogramm nach Pößneck. Ob Themenroute, öffentliche Führungen oder thematischer Stadtrundgang – es gibt viele Möglichkeiten, mehr über das Schaffen des Reformarchitekten in der Stadt zu erfahren. So kann man beispielsweise beim Pößnecker Sonntagsstreifzug am 26. Mai „Auf den Spuren Heinrich Tessenows“ wandeln. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.poessneck.de.
Heinrich Tessenow zählte zu den führenden und interessantesten Architekten in Deutschland. Selbst Mitglied der Architektenvereinigung Der Ring, standen für Tessenow soziale Fragen im Zentrum des Bauens. Eine bloße Inszenierung von Architekturformen lehnte er ab, der Bezug zu Tradition und Handwerk war für ihn wichtig. Mit den Heinrich-Tessenow-Bauten gehört Pößneck auch zur „Grand Tour der Moderne Thüringen“.
Das Ausstellungs-Doppelprojekt erfolgt in Zusammenarbeit der Stadt Pößneck mit der Heinrich-Tessenow-Gesellschaft (Hamburg) und dem Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege.
Öffnungszeiten
Museum642
Mo, Di, Fr, Sa 11 – 16 Uhr | Do 11 – 18 Uhr | So 13 – 17 Uhr

Schauwohnung
Sa, So 13 – 16 Uhr sowie im Rahmen einer gebuchten Führung

Eintrittskartenverkauf / Führungsanmeldung
Stadtinformation Pößneck / Museumskasse
Klosterplatz 2-4-6
Tel.: 03647/412295

Foto: Elia Schneider, Kurator Schauwohnung
Zu sehen sind die in der Schauwohnung gezeigten, originalen Tessenow-Möbel